Interrupt

 

Mein Name war Captain Kathryn Janeway vom Föderationsraumschiff Voyager gewesen. Ein Geräusch hatte mich aufgeweckt. Der Wecker auf dem Nachttisch hatte 2:47 Uhr gezeigt. Die Nacht war ruhig. Ich war mit meiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre unterwegs, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt drang die Voyager in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Was ist das?

Ich muss aufhören, mir vor dem Schlafengehen, immer diese Sci-Fi-Blödsinn reinzuziehen. Davon werd ich noch richtig bescheuert im Kopf. Ich erwachte, weil das Telefon klingelte. Mein Schädel brummte. Mit einem Ruck setzte ich mich auf und sah mich im Zimmer um. Auf dem Namensschild am Blazer auf dem Stuhl stand: „Laarnie Rosenstein – Trainee“. Trainee. Mit Ende Zwanzig. Abschluss an der Columbia als Anwältin „cum Laude“. Und jetzt: „Trainee“. Naja, einen Vorteil hatte es gehabt. Die Wohnung im Hochhaus der Columbia in Harlem hatte ich behalten dürfen. Klein aber fein! Und die U-Bahnstation lag gleich um die Ecke. Oh, dieses penetrante Klingeln macht mich wahnsinnig! Wo ist das verdammte Telefon?

Ich ließ mich wieder aufs Bett fallen.

Wer ruft um diese Uhrzeit noch bei anderen Menschen an? Entweder derjenige hat kein Zeit-, Takt- oder Empathie-Gefühl. Oder war es doch Frank gewesen? Mein Bruder war gerade auf Selbstfindungstrip in Australien. Vielleicht war es noch Neuseeland? Ich weiß es nicht mehr. Bei ihm habe ich schon lange den Überblick verloren. Aber ein Anruf? Das sieht ihm nicht ähnlich. Vielleicht war es ja auch mein Chef: „Mr. Beckster!“, gewesen. Er hatte nie Feierabend. Egal, wann man an seinem Büro vorbeikam und hineinsah. Im Inneren hockte immer ein etwas adipöser, griesgrämig dreinschauender Mann über seinem Laptop und hämmerte auf die Tastatur ein. Unterbrochen wurde sein Tippen nur, wenn er telefonierte oder nach mir schickte! „Ms. Rosenstein? Holen Sie mir doch einen Kaffee; holen Sie mir doch mein Mittagessen vom Chinesen gegenüber.“ Ms. Rosenstein hier, Ms. Rosenstein da. Na ja, wenigstens hatte er sich, nach drei Wochen, merken können, dass ich nicht „Ms. Blumenirgendwas“ heiße. Aber ein Anruf? Um diese Uhrzeit? In meinen vier Wänden? Irgendwas stimmt hier nicht. Ich hab hier doch sonst keinen Empfang? Dieser glückliche Umstand ist noch das i-Tüpfelchen an meiner Wohnung. Wo ist das verdammte Telefon?

Vielleicht war es auch irgendein verrückter Wecker gewesen. Meine neue ständige Begleiterin hatte etwas begriffsstutzig gewirkt. Wie hatte Frank doch so schön gesagt? „Äpfel sind zum Essen da, nicht zum Telefonieren.“ Aber Siri war so praktisch! Ich konnte ihr mit einem Tastendruck meine gesamte Korrespondenz und mein Gedächtnis aufbürden. Termine, Wecker, Emails, Einkaufslisten, einfach alles. Ich fand das super! Natürlich konnte das auch jeder andere tun, der nur in die Reichweite meines neuen Apfel-Telefons kam. Vielleicht war es John. Mein etwas zu lustiger Kollege. Immer zu einem Scherz bereit: „Na komm! Das war doch lustig!“ Wo ist das verdammte Telefon?

Es half ja nichts! Ich raffte mich auf, schwang die Beine über die Bettkante und horchte noch einmal. Das Klingeln schien aus dem Wäscheberg am anderen Ende des Zimmers zu kommen. Ich war hundemüde, hatte schwere Beine und wurde zudem langsam auch etwas stinkig! Irgendwie schaffte ich es, mich bis zur gegenüberliegenden Wand zu schleppen. Wo ist das verdammte Telefon?

Ich durchsuchte meine getragene Wäsche und fand das Telefon in meiner Sporthose. Ich musste es wohl nach meiner all-abendlichen Laufrunde darin vergessen haben. Als ich aufs Display schaute, bestätigte sich meine Vermutung. Es war kein Anruf. Auf dem Bildschirm begrüßt mich Siri mit einer Nachricht: „Guten Morgen Sonnenschein! Ich dachte mir, du könntest doch zur Feier deiner 6-wöchigen Firmenzugehörigkeit einen Kuchen mitbringen. Das wäre total toll! Liebe Grüße John.“

Ich schaltete den Alarm ab und schleppte mich zurück ins Bett. Ich schwor mir, übelste Rache an John zu nehmen, aber jetzt wollte ich nur wieder einschlafen.

Und dann musste ich pinkeln …